In der aktuellen Print-Ausgabe des SPIEGEL ( 04.04.2008 ) wird im Kulturteil die (schwierige) Liebe zwischen Bachmann und Celan beleuchtet, und ohne, dass ich viel über beide Lyriker wüsste, hat mich doch der abgedruckte Brief von Bachmann an Celan unglaublich berührt. Da ich den Brief im Internet nicht fand, nehme ich mir die Freiheit heraus diesen abzuschreiben; vielleicht berührt er auch eure Seelen.
Du Lieber,
weil ich so garnicht daran gedacht habe, ist heute, am Vortag – im vergangenen Jahr war es doch auch so – Deine Karte richtig angeflogen kommen, mitten in mein Herz, ja es ist so, ich hab Dich lieb, ich hab es nie gesagt damals. Den Mohn hab ich wieder gespürt, tief, ganz tief, Du hast so wunderbar gezaubert, ich kann es nie vergessen.
Manchmal möchte ich nichts, als weggehen und nach Paris kommen, spüren, wie Du meine Hände anfasst, wie Du mich ganz mit Blumen anfasst und dann wieder nicht wissen, woher Du kommst und wohin Du gehst.
Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist. Ich weiss noch immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du irgend etwas tun sollst, was wir andern hier tun, ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden.
Ich habe oft nachgedacht, “Corona” ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Mamor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht “Zeit”. Ich hungre nach etwas, das ich nicht bekommen werde, alles ist flach und schal, müde und verbraucht, ehe es gebraucht wurde.
Mitte August will ich in Paris sein, ein paar Tage nur. Frag mich nicht warum, wozu, aber sei da für mich, einen Abend lang oder zwei, drei… Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hineinschauen, bis wir kleine Fische geworden sind und uns wieder erkennen.Ingeborg.
Für mich drückt dieser Brief eine zutiefst empfundene Sehnsucht nach dem Geheimen, Unbekannten, die Suche nach der nie zu erreichenden Geborgenheit, nach der Seelenverwandschaft und dem Gemeinsamen aus,
für mich unglaublich die Stärke und Intensität der von Ingeborg Bachmann verwendeten Metaphern, Gleichnissen welche die Tiefe und Weite bildlich machen.
Muss jetzt los, mir Gedichtsbände besorgen.
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